Es brodelt, köchelt und duftet: nach reifen Tomaten, Basilikum und den vollen Aromen des Sommers am Mittelmeer. Mit roten Wangen steht Heike Kerpen am Herd und rührt in der blubbernden Tomatensauce. Neben ihr müht sich ihr Chef Ralf Knospe damit, der Schokoladencreme für das Dessert des Fünf-Gänge-Menüs die richtige Konsistenz zu verleihen. Das verlangt Konzentration und Fingerfertigkeit, sorgt aber auch für viel Gelächter und gute Tipps von allen Seiten. In der großen, gemütlichen Küche des Seminarhauses „Johanniterhof“ im Schwarzwald wird gerührt, geschnitten, gehackt und abgeschmeckt. „Fehlt noch etwas Salz?“
Was im Büroalltag sonst untergeht, kommt hier beim Zubereiten der Speisen eher locker über die Lippen. Wer zum Beispiel welches Gemüse nicht oder welchen Wein besonders gerne mag. Oder dass eine Kollegin in ihrer Freizeit leidenschaftlich gerne Mittelalterromane liest. Während die Gruppe mit Feuereifer ihr anspruchsvolles Menü zubereitet, lernen sich selbst Mitarbeiterinnen von einer ganz neuen, anderen Seite kennen, die schon jahrelang zusammen in einem Büro sitzen. Und das freut Ralf Knospe, den einzigen Mann unter acht Frauen, ganz besonders.
Nicht einfach nur Kochen
Die Gruppe besucht nicht einfach „irgendeinen“ Kochkurs. Hinter der Veranstaltung steht vielmehr ein Kommunikationstraining, das von der Diplom-Psychologin Beate Riexinger-Li aus dem schwäbischen Ammerbuch begleitet wird. Die Küche – ein Arbeitsplatz mit besonderen Herausforderungen an Koordination und gegenseitiges Zuarbeiten, an detailliert abgestimmte Prozesse und zeitgenaue Produktionspläne – eignet sich dafür besonders.
Während der Vor- und Zubereitung, beim Servieren und dem gemeinsamen Mittagessen ist Riexinger-Li dabei und macht erste Gesprächsangebote an die Teilnehmer. Von Ralf Knospe, Landesgeschäftsführer der Gewerkschaft der Polizei in Baden-Württemberg, stammt die Idee zu diesem ungewöhnlichen Kochereignis. Neben ihm, einem ehemaligen Polizisten, sind in der Geschäftsstelle noch acht Kolleginnen beschäftigt, die dort – innerhalb bestimmter Vorgaben – den Ablauf sehr selbstständig organisieren.
Aber woran es auch immer lag: „Es kam immer wieder zu kurzen, aber heftigen Reibereien untereinander. Ein Teil hielt sich raus und zog sich zurück, die anderen waren mit nichts und niemandem mehr zufrieden“, bedauert Knospe. Dennoch stieß die Idee zu einem Kommunikationstraining außer Haus in Begleitung einer Psychologin auf wenig Gegenliebe und viele Vorurteile. „Wir sind doch nicht krank“, hieß es bei den Kolleginnen.
Jetzt, nach zwei Tagen in der Gruppe im Johanniterhof, hat sich die Stimmung komplett ins Gegenteil verkehrt. Telefonistin Heike Kerpen bringt auf den Punkt, was alle bewegt: „Es ist unglaublich, wie sich das entwickelt hat. Ich bin ehrlich gesagt mit völlig anderen Erwartungen gestartet“. „Schuld“ daran hat nicht nur das gemeinsame Ziel, das Herstellen eines Menüs, sondern auch das gemeinsame Tun in lockerer Umgebung.
Gemeinsam etwas Schönes schaffen
Und vor allem die Idee, die dahinter steht: „Für unsere Cook-a-team-Trainings ist es unbedingt notwendig, dass sie nicht in nüchternen Seminarräumen stattfinden, da wir Wert auf eine lockere und ungezwungene Atmosphäre legen“, erklärt Günter Dull, Geschäftsführer der Dull Entertainment GmbH in Grafenau, die das Konzept entwickelt hat. So werden auf Wunsch auch schon mal Koch-Orte auf Lanzarote oder in der Auvergene ausgesucht. Auf dem Speiseplan stehen dann drei bis fünf Gänge, die zusammen mit einem Profikoch zubereitet werden. Wie etwa „mit Ricotta und Spinat gefüllte Teigtaschen und Sauce aus frischen Strauchtomaten“, „gegrillte Putenschnitzel mit Rosmarindecke“ oder „Dessert aus fünf Schichten im Glas.“ Dazu können, müssen aber nicht, ein oder mehrere Trainer gebucht werden.
„Das Kochen ermöglicht es einer Gruppe, sich als Team wahrzunehmen, das in der Lage ist, Schönes zu schaffen und es auch gemeinsam zu erleben“, urteilt Beate Riexinger-Li – und dies unter dem Zeit- und Leistungsdruck einer Küche mit ihren beengten Räumen. „Daher ist es so etwas wie die Ouvertüre und positive Grundlage für den eigentlichen Workshop, in dem es um das komplexe Thema Teambildung geht.“ An zwei Tagen beschäftigt sich die Gruppe mit Fragen wie: „Wo kann sich der Einzelne noch verbessern in den Bereichen Stressmanagement, Organisation, Kommunikation, Entwicklung von Handlungsalternativen?“ Die Teilnehmer erlernen Regeln des Umgangs miteinander, Konflikte werden angesprochen und neue Spielregeln aufgestellt.
Missverständnisse in der Kommunikation
Hier erfahren die Teammitglieder auch, dass bestimmte Schwierigkeiten im Miteinander nicht Ausdruck „bösen“ Willens sind, sondern, „dass Kollegen auch Schwachstellen haben“ oder einfach nur etwas anders ticken. „Es entstehen oft Missverständnisse, die ausräumbar sind, wenn wir auch in schwierigen Situationen aufeinander zugehen und uns um eine Lösung bemühen“, macht die Psychologin klar. Nicht zu vergessen: Den kleinen Unterschied zwischen Mitarbeitern und Chef zu präzisieren, bringt haufenweise Aha-Erlebnisse, die – wenn erkannt und offen benannt – nicht mehr ärgern, sondern eher zum Schmunzeln anregen.
Während zu Beginn ganz bewusst viele private und fernab der beruflichen Alltags verwurzelte Themen erörtert werden, kommt die Gruppe in den zwei Tagen des Workshops mehr und mehr zur Aufarbeitung ihrer eigenen Kommunikationsprobleme und damit auch zu einer völlig neuen Art von Teambildung. Plötzlich verstehen die Kolleginnen, dass der einzige Mann und zudem auch noch der Chef der Belegschaft völlig andere Kommunikationsbedürfnisse hat als eine Frau. „Dann bist du ja gar nicht böse auf uns…, und ich habe immer gedacht, du bist sauer, wenn du mal nicht mit uns sprichst.“ Bei Ute Huber wird auf einmal vieles klarer. „Das Kochevent war für mich der optimale Einstieg in dieses Kommunikationstraining. Ich hätte nie gedacht, dass man beim gemeinsamen Zwiebelschneiden so viel über seine Mitarbeiterinnen erfährt“, bringt es Ralf Knospe gut gelaunt auf den Punkt.
Damit so viele neue Erkenntnisse und gute Vorsätze nicht wieder versanden, haben zwei Tage nach dem Seminar alle Mitarbeiterinnen jeweils ein Fotobuch mit den Highlights des Kommunikationstrainings, alle Rezepte aus dem Kochkurs und die grafisch aufbereiteten Kommunikationsziele in ihrer Post. Und eines steht schon fest: In einigen Monaten ist das nächste Treffen mit Beate Riexinger-Li vereinbart, bei dem die zurückliegende Zeit Revue passieren und die Ziele mit dem Erreichten verglichen werden sollen.
Das Team aus der Küche
Cook-a-team ist ein Konzept der Dull Entertainment GmbH, bei dem gemeinsames Kochen und Essen in außergewöhnlichen Lokationen kombiniert wird mit Trainings oder Coaching durch erfahrene Trainer und Psychologen. Mehr Informationen unter www.cook-a-team.de
Foto: Randstad





