
1. Dezember 1989, ein Freitag. Die Volkskammer beschließt mit überwältigender Mehrheit die Streichung der bisher in der Verfassung verankerten Führungsrolle der SED. Bei Rekordfahrten in Frankreich überholt der TGV den deutschen Spitzenwert von 442,6 km/h. Phil Collins erobert mit „Another Day in Paradise“ erstmals die Spitze der deutschen Charts. Und in Ludwigsburg, der schaffigen Residenzstadt im Norden von Stuttgart, eröffnet „Am Holzmarkt“ eine neue Randstad Niederlassung. Es ist erst das 20. Büro des Unternehmens in Deutschland, und das Wort „Zeitarbeit“ steht nicht nur im Duden weit hinten, sondern auch noch im Wirtschaftsleben.
Zwanzig Jahre und rund 400 weitere Niederlassungen später stehen Petra Sassen und Claudia Nies, Mitarbeiterinnen der ersten Stunde, bei einem Glas Sekt zusammen und stoßen auf das Jubiläum an. Beide lachen sie herzhaft bei den Erinnerungen an den Start damals, als sie ihre Bewerbergespräche ins benachbarte Café auslagern mussten, weil in ihrem Büro noch die Handwerker zugange waren. Nies, die jahrelang die Niederlassung Ludwigsburg leitete, ist heute für die Randstad Stiftung engagiert, und bei ihrer kurzen Jubiläumsrede, bei der sie das Projekt „Du bist ein Talent“ in den Vordergrund stellt, wird schnell deutlich, wie viel sich seit 1989 noch geändert hat – außer dem rapiden Wachstum des Unternehmens.
Dass ein Zeitarbeitsunternehmen sich die Zeit nimmt und Ideen entwickelt, um Hauptschüler auf sich aufmerksam zu machen und ihnen berufliche Perspektiven zu bieten – undenkbar vor zwanzig Jahren, als die Personaldienstleistungsbranche noch auf die Bereitstellung ungelernter Helfer reduziert war. Artur, Devran, Lucas und Lukas, vier Jungs aus der 8a der Gustav-Sieber-Schule in Tamm, nutzen denn auch lebhaft die Gelegenheit, zwischen Sekt und Häppchen unter den anwesenden Firmenvertretern möglichst viele Praktika-Angebote für sich und ihre Klassenkameraden zu akquirieren. Ihre Väter beobachten gemeinsam mit der stellvertretenden Schulleiterin Carmen Kirste und Lehrerin Gabriela Lindner die Gespräche aus dem Hintergrund und tauschen positive Erfahrungen über Anleitungen zum Vorstellungsgespräch („das bringt was“) und persönliches Coaching („große Hilfe“)aus, die der Nachwuchs von den Mitarbeiterinnen der Niederlassung bekommt.
Früh aufzustehen lohnt sich. „Heute muss schon die Frau am Empfang Fremdsprachenkenntnisse und SAP-Erfahrung mitbringen“, berichtet Pia Lüker, derzeitige Managerin der Niederlassung. „Und wo früher unser Service nur im Tagesgeschäft gefragt war nach dem Motto ,Schicken Sie mal schnell 20 Mann zur Frühschicht‘, geht es heute neben den höheren Anforderungen auch um deutlich längerfristige Engagements.“ Denn, so bestätigt Vassiliki Zarambouka, die zuständige District Managerin bei Randstad, „Zeitarbeit ist heute ein strategischer Bestandteil der Personalplanung. Wir sind dabei Partner auf Augenhöhe.“
Dazu haben mehrere Faktoren beigetragen. Zuverlässigkeit und Kompetenz seien das eine, sagt Lüker, aber vor allem Schnelligkeit und Flexibilität haben den Nutzen des Randstad Angebots für andere Unternehmen greifbar gemacht und eine Geschäftsbeziehung auf Gegenseitigkeit heranwachsen lassen. Die geht mitunter so weit, dass Firmen auch mal gute Mitarbeiter empfehlen, die sie selbst nicht übernehmen können. Sogar die Betriebsräte sehen eine externe Personaldienstleistung inzwischen differenziert und als Möglichkeit, Jobs von Stammkräften zu schützen – unter anderem deshalb, weil Randstad mit Tarifvertrag und eigenem Betriebsrat antritt.
Bezahlt gemacht hat sich für Pia Lüker und ihr Team auch die intensive Betreuung der rund 400 überbetrieblichen Mitarbeiter, die sie beschäftigen. „Manche von ihnen sind seit 15 Jahren bei uns“, berichtet die Niederlassungsleiterin. „Bei uns haben sie einen unbefristeten Vertrag, während sie woanders mit Probezeit und Fristverträgen rechnen müssen. Außerdem haben wir bisher noch jeden, der sich bewährt hat, wieder in die Mannschaft aufgenommen, wenn es bei einer Übernahme mal nicht so geklappt hat.“
Die typische Wirtschaftsstruktur im württembergischen Industriekernland spiegelt sich in der Kundenpalette der Niederlassung. Bosch, Daimler, Porsche, Dürr: Neben den hier traditionell stark vertretenen Automobil- und Maschinenbauern sowie deren Zulieferbetrieben nehmen auch Verwaltung, Handwerk und Dienstleister die Services von Deutschlands größtem Personaldienstleister in Anspruch. Die Gästeliste beim Jubiläumsempfang liest sich denn auch wie ein Who's who der regionalen Wirtschaft. Die Niederlassung hat eine der höchsten Dichten an Key-Accounts im Lande. „Wir sind aber auch stolz darauf, dass viele kleine Familienbetriebe zu unseren Kunden zählen“, betont Lüker. „Wir bedienen hier nicht nur große Firmen, sondern auch solche Unternehmen, die nur einen oder zwei überbetriebliche Mitarbeiter benötigen.“ Der gute Mix bei Branchen und Betriebsgrößen habe sich nicht zuletzt in der Krise bewährt, ergänzt Zarambouka: „Dank unserer Vielfalt waren wir hier gut aufgestellt.“
Dass sich selbst in der Vielfalt noch die eine oder andere exotisch anmutende Aufgabe findet – keine Frage. Aber dass aus der Kirchstraße 29 in Ludwigsburg auch Testfahrer auf Zeit vermittelt werden, ist dann doch nicht alltäglich. Selbst Pia Lüker muss schmunzeln, als sie über das außergewöhnliche Anforderungsprofil berichtet: „Einer unserer Kunden stellt elektronische Einparkhilfen für verschiedene Autoproduzenten her. Die müssen natürlich vorher in der Praxis ausprobiert werden. Dafür brauchen die Fahrer – und wir stellen sie zur Verfügung.“ Was in der malerischen Altstadt von Bietigheim mittlerweile zum Alltag gehört, das hat sich inzwischen sogar bis in den fernen Osten herumgesprochen. Kurz vor Weihnachten war das erste Zweierteam überbetrieblicher Mitarbeiter für vier Wochen in Korea. Mit Erfolg. „Wir planen schon die nächste Tour. Ganz in Abwandlung des Werbeslogans: Wir können alles, sogar einparken …“
Foto: Randstad





