
Noch vor zehn Jahren hieß Unternehmensfernsehen: klobige Röhrenfernseher in Kantinen, über deren Mattscheibe Verkündigungen des Vorstands und längst bekannte Belanglosigkeiten aus fernen Niederlassungen flimmerten. Doch die Bewegtbildangebote von Unternehmen an ihre Mitarbeiter haben sich radikal gewandelt.
Die Arbeitsagentur schult über TV
Beispiel Bundesagentur für Arbeit: Alle zwei Wochen stellt die Behörde ihren Mitarbeitern aktuelle Informationen via Corporate-TV bereit – eine Art eigener Fernsehsender, dessen Inhalte auf die Bedürfnisse der Agentur maßgeschneidert sind und exklusiv produziert werden. „Das Mitarbeiter-TV ‚BA direkt’ ist ein effizienter und vor allem schneller Weg, um Informationen, Know-how und beispielsweise auch neue Prozesse gezielt an die rund 100.000 Mitarbeiter zu verteilen“, sagt Matthias Wesselmann, Geschäftsführer der Bewegtbildagentur fischerAppelt, tv media. Mit aktuell zehn Regionaldirektionen, 178 Arbeitsagenturen und 610 Geschäftsstellen legt die weit verzweigte Struktur der Nürnberger Behörde den Einsatz von Bewegtbild nahe. Aber auch immer wieder stattfindende Neuerungen im Regelwerk und bei den Abläufen machen Corporate-TV zum hilfreichen Arbeitsmedium der Mitarbeiter. „Um komplexe Abläufe und Prozesse wie beispielsweise ALG-II-Anträge einfach und strukturiert zu erklären, bietet sich der Einsatz von Corporate-TV perfekt an“, sagt Wesselmann, dessen Bewegtbildagentur BA direkt die letzten drei Jahre produzierte.
Die Ausstrahlung des Programms erfolgt nicht über klassische Fernsehempfänger, dies wäre zu aufwendig, zu teuer – und auch nicht so effektiv. Statt komplexe Übertragungstechnik zu verwenden, setzt die Bundesagentur auf die Netzwerk-Infrastruktur des vorhandenen Intranets. Die Sendungen können dadurch bequem an den Arbeitsplatzrechnern der Mitarbeiter angesehen werden, und was noch viel wichtiger ist: unabhängig von den Sendezeiten abgerufen werden. So sind auch ältere Folgen jederzeit abrufbar und bilden somit eine Art audiovisuelles Lexikon, das die Mitarbeiter im Tagesgeschäft unterstützt.
Daimler setzt auf Interaktion
Mit komplexen Prozessen haben es die Mitarbeiter in den Werkstätten der Mercedes-Benz-Händler zu tun. Wo Reparaturabläufe mithilfe von Handbüchern nur schwer erklärt werden können, setzt „Akubis“ als Telelearning-Plattform des Daimler-Konzerns an. Während Corporate-TV früher im Rahmen von Akubis nur als Einzelmaßnahme eingesetzt wurde, ist das „Schulungsfernsehen“ heute wichtiger Bestandteil einer Vielzahl unterschiedlicher Weiterbildungsangebote – mit klarer Spezialisierung: Neben der klassischen Livesendung produziert das Team mittlerweile Spezialsendungen für das Werkstattpersonal, an deren Ende ein Test zu den Sendungsinhalten als Qualifizierungsnachweis durchgeführt werden kann. Ebenfalls im Programm: Sondersendungen zur Verkäuferschulung über neue Produkte oder Produktmerkmale. Produziert werden die Sendungen mittlerweile in bis zu acht Sprachen: Neben Deutsch und Englisch produziert fischerAppelt, tv media die Akubis-Formate mittlerweile in Französisch, Italienisch, Spanisch, Russisch, Chinesisch und Polnisch.
Der Aufwand rechnet sich: Allein durch die wegfallenden Reisekosten der Werkstattteams und die damit verbundenen Ausfallzeiten hält sich der Gesamtaufwand in Grenzen. Und: auch hier können Schulungsinhalte jederzeit über die eigene Web-TV-Plattform in den Werkstätten abgerufen und angesehen werden.
Rennaissance des Business-TV
Unternehmenseigene Fernsehkanäle sind an sich nichts Neues, doch die Einsatzbereiche, Konzepte und Technologien haben sich verändert. Noch vor zehn bis 15 Jahren war Business-TV ein elitäres Medium, das mit aufwendiger Broadcast-Technik zur monologischen Top-Down-Kommunikation eingesetzt wurde. Heutzutage zeigt sich die Anwendung schlanker, effizienter – und vor allem interaktiver. Mit neuen Sendeformaten hat das Unternehmensfernsehen vom „großen Bruder“ TV gelernt und versucht, Zuschauer durch Interaktion am Geschehen teilhaben zu lassen.
Das ist wichtig, denn die Akzeptanz von unternehmenseigenen Fernsehprogrammen ist der maßgebende Erfolgsfaktor. Und die Zuschauer sind mitunter verwöhnt, vergleichen sie doch die Qualität der Sendungen (von der Technik über die Inhalte bis zur Moderation) mit der aus den Studios der großen Fernsehanstalten. „Entscheidend ist es, ein Format inhaltlich richtig aufzusetzen – das ist das Geheimnis ganz zu Anfang, das für den späteren Erfolg unabdingbar ist!“, rät Matthias Wesselmann daher. Von zentraler Bedeutung sei deshalb das Konzept, das hinter einem Corporate-TV-Projekt steht, ebenso wie die redaktionelle Kompetenz und die technische Infrastruktur.
Vielfältige Einsatzmöglichkeiten
Damit ein Corporate-TV-Projekt im Unternehmen ankommt und akzeptiert wird, empfehlen sich vor allem in der Startphase einige Pilotsendungen. Mit deren Hilfe können das Sendeformat optimiert und erste „Kinderkrankheiten“ ausgemerzt werden. Aber auch im „laufenden Betrieb“ sollte das Programm immer wieder überarbeitet werden, um so als Innovationstreiber Mitarbeiter immer wieder neu abzuholen und die Möglichkeiten des Unternehmensfernsehens optimal auszuschöpfen.
Der Erfolg einzelner Sendungen lässt sich im Übrigen einfacher messen als im klassischen Fernsehen: Da die Programme häufig nicht mehr über traditionelle Sendetechnik, sondern über das Intranet oder über IP-Datennetzwerke verbreitet werden, bieten Auswertungen der Server-Logs oder Settop-Boxen verbindliche Zahlen an.
Die Einsatzmöglichkeiten für Corporate-TV-Projekte beschränken sich nicht nur auf den Bereich Aus- und Weiterbildung. Neben der reinen Wissensvermittlung dient der unternehmenseigene Fernsehkanal auch als Informationsmedium, um Mitarbeiter in verteilten Strukturen schnell und effizient zu erreichen.
Darüber hinaus können Teile des Programms auch für Recruitingzwecke eingesetzt werden, zum Beispiel auf der Unternehmenswebsite, in Karriereportalen oder in Social Networks. Potenzielle Mitarbeiter bekommen so ein gutes Bild von ihrem neuen Arbeitgeber und können sich leichter mit dem Unternehmen identifizieren.
Zur Person: Matthias Wesselmann
Matthias Wesselmann (31) ist seit Januar 2010 zusammen mit Mirco Völker Geschäftsführer der fischerAppelt, tv media GmbH. Er ist seit der Übernahme des Unternehmens durch die Agenturgruppe fischerAppelt im Jahr 2007 in der Geschäftsleitung tätig. Zuvor leitete er von 2005 bis 2007 die Unternehmenskommunikation der Agenturgruppe und war Assistent von Agenturgründer und -inhaber Bernhard Fischer-Appelt. Wesselmann studierte Angewandte Medienwissenschaft an der TU Ilmenau, absolvierte anschließend ein PR-Volontariat und war PR-Berater und Texter in Hamburg, bevor er 2005 zu fischerAppelt wechselte.
FischerAppelt, TV Media
fischerAppelt, tv media ist die Agentur für integrierte Bewegtbildkommunikation der fischerAppelt AG, der Föderation der Ideen. Die Kernkompetenz liegt in der Entwicklung und Produktion von Filmen und Online-Branded-Content-Formaten (z. B. Mercedes-Benz.tv, Breuninger Fashion TV) für Marken- und Produktkommunikation sowie in der Entwicklung von Telelearning-Applikationen, wie dem internationalen Trainingsformat „Akubis“ für die Daimler AG. Interaktive Anwendungen wie Websites gehören ebenso zum Portfolio wie Social-Media-Campaigning und Mobile-Marketing-Applikationen. Mit derzeit rund 85 Mitarbeitern ist fischerAppelt, tv media die größte deutsche Agentur für Bewegtbildkommuni-kation. Zu den Kunden zählen unter anderem die Daimler AG mit nahezu allen Konzernmarken, Ludwig Görtz, Breuninger, Tognum, VDI (Verein Deutscher Ingenieure), Volks- und Raiffeisenbanken sowie Wellendorff.
Fotos: fischerAppelt tv Media





